Title:

Fabeln von Lessing

Description:  Tale by Gotthold Ephraim Lessing
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Der Rangstreit der Tiere


1.

Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren. Ihn zu schlichten, sprach das Pferd: 'Lasset uns den Menschen zu Rate ziehen, er ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer sein.'

'Aber hat er auch den Verstand dazu?' ließ sich ein Maulwurf hören. 'Er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten Vollkommenheiten zu erkennen.'

'Das war sehr weislich erinnert!' sprach der Hamster.

'Jawohl!' rief auch der Igel. 'Ich glaube es nimmermehr, daß der Mensch Scharfsichtigkeit genug besitzt.'

'Schweigt ihr!' befahl das Pferd. 'Wir wissen schon: wer sich auf die Güte seiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am fettigsten, die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen.'

2.

Der Mensch ward Richter. - 'Noch ein Wort', rief ihm der majestätische Löwe zu, 'bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, willst du unsern Wert bestimmen?'

'Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel', antwortete der Mensch, 'in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich seid.'

'Vortrefflich!' versetzte der beleidigte Löwe. 'Wie weit würde ich alsdann unter den Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter nicht sein, Mensch! Verlaß die Versammlung!'

3.

Der Mensch entfernte sich. - 'Nun', sprach der höhnische Maulwurf - (und ihm stimmten der Hamster und der Igel wieder bei) - 'siehst du, Pferd? Der Löwe meint es auch, daß der Mensch unser Richter nicht sein kann. Der Löwe denkt wie wir.'

'Aber aus bessem Gründen als ihr!' sagte der Löwe und warf ihnen einen verächtlichen Blick zu.

4.

Der Löwe fuhr weiter fort: 'Der Rangstreit, wenn ich es recht überlege, ist ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich für den Vornehmsten oder für den Geringsten; es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich!' - Und so ging er aus der Versammlung.

Ihm folgte der weise Elefant, der kühne Tiger, der ernsthafte Bär, der kluge Fuchs, das edle Pferd, kurz, alle, die ihren Wert fühlten oder zu fühlen glaubten.

Die sich am letzten wegbegeben und über die zerrissene Versammlung am meisten murrten, waren - der Affe und der Esel.

Der Sperling und der Strauß


'Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz wie du willst', sprach der Sperling zu dem Strauße; 'ich bin doch mehr ein Vogel als du. Denn du kannst nicht fliegen, ich aber fliege, obgleich nicht hoch, obgleich nur ruckweise.'

Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen verliebten Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber einer langen Hermanniade.

Der Strauß


Das pfeilschnelle Renntier sah den Strauß und sprach: 'Das Laufen des Straußes ist so außerordentlich eben nicht; aber ohne Zweifel fliegt er desto besser.' Ein andermal sah der Adler den Strauß und sprach: 'Fliegen kann der Strauß nun wohl nicht; aber ich glaube, er muß gut laufen können.'

Der Wolf auf dem Todbette


Der Wolf lag in den letzten Zügen und schickte einen prüfenden Blick auf sein vergangenes Leben zurück. 'Ich bin freilich ein Sünder', sagte er; 'aber doch, ich hoffe, keiner von den größten. Ich habe Böses getan; aber auch viel Gutes. Einstmals, erinnere ich mich, kam mir ein blökendes Lamm, welches sich von der Herde verirret hatte, so nahe, daß ich es gar leicht hätte würgen können; und ich tat ihm nichts. Zu eben dieser Zeit hörte ich die Spöttereien und Schmähungen eines Schafes mit der bewunderungswürdigsten Gleichgültigkeit an, ob ich schon keine schützenden Hunde zu fürchten hatte.'

'Und das alles kann ich dir bezeugen', fiel ihm Freund Fuchs, der ihn zum Tode bereiten half, ins Wort. 'Denn ich erinnere mich noch gar wohl aller Umstände dabei. Es war zu eben der Zeit, als du an dem Knochen so jämmerlich würgtest, den dir der gutherzige Kranich hernach aus dem Schlunde zog.'

Der Wolf und der Schäfer


Ein Schäfer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde verloren. Das erfuhr der Wolf und kam, seine Kondolenz abzustatten. 'Schäfer', sprach er, 'ist es wahr, daß dich ein so grausames Unglück betroffen? Du bist um deine ganze Herde gekommen? Die liebe, fromme, fette Herde! Du dauerst mich, und ich möchte blutige Tränen weinen.' 'Habe Dank, Meister Isegrim', versetzte der Schäfer. 'Ich sehe, du hast ein sehr mitleidiges Herz.' 'Das hat er auch wirklich', fügte des Schäfers Hylax hinzu, 'sooft er unter dem Unglücke seines Nächsten selbst leidet.'

Der hungrige Fuchs


'Ich bin zu einer unglücklichen Stunde geboren!' so klagte ein junger Fuchs einem alten. 'Fast keiner von meinen Anschlägen will mir gelingen.' 'Deine Anschläge', sagte der ältere Fuchs, 'werden ohne Zweifel doch klug sein. Laß doch hören, wann machst du deine Anschläge?' 'Wann ich sie mache? Wann anders, als wenn mich hungert?' 'Wenn dich hungert?' fuhr der alte Fuchs fort. 'Ja! da haben wir es! Hunger und Überlegung sind nie beisammen. Mache sie künftig, wenn du satt bist, und sie werden besser ausfallen.'

Der junge und der alte Hirsch


Ein Hirsch, den die gütige Natur Jahrhunderte hat leben lassen, sagte einst zu einem seiner Enkel: 'Ich kann mich der Zeit noch sehr wohl erinnern, da der Mensch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfunden hatte.' 'Welche glückliche Zeit muß das für unser Geschlecht gewesen sein!' seufzte der Enkel. 'Du schließest zu geschwind!' sagte der alte Hirsch. 'Die Zeit war anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstatt des Feuerrohrs, Pfeile und Bogen, und wir waren ebenso schlimm daran als jetzt.'

Die Eiche


Der rasende Nordwind hatte seine Stärke in einer stürmischen Nacht an einer erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt, und eine Menge niedriger Sträucher lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der seine Grube nicht weit davon hatte, sah sie des Morgens darauf. 'Was für ein Baum!' rief er. 'Hätte ich doch nimmermehr gedacht, daß er so groß gewesen wäre!'

Die Eiche und das Schwein


Ein gefräßiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der herabgefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiß, verschluckte es bereits eine andere mit dem Auge. 'Undankbares Vieh!' rief endlich der Eichbaum herab. 'Du nährst dich von meinen Früchten ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in die Höhe zu richten.' Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: 'Meine dankbaren Blicke sollten nicht außen bleiben, wenn ich nur wüßte, daß du deine Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen.'

Die Erscheinung


In der einsamsten Tiefe jenes Waldes, wo ich schon manches redende Tier belauscht, lag ich an einem sanften Wasserfalle und war bemüht, einem meiner Märchen den leichten poetischen Schmuck zu geben, in welchem am liebsten zu erscheinen La Fontaine die Fabel fast verwöhnt hat. Ich sann, ich wählte, ich verwarf, die Stirne glühte - - Umsonst, es kam nichts auf das Blatt. Voll Unwill sprang ich auf; aber sieh! - auf einmal stand sie selbst, die fabelnde Muse vor mir.

Und sie sprach lächelnd: 'Schüler, wozu die undankbare Mühe? Die Wahrheit braucht die Anmut der Fabel; aber wozu braucht die Fabel die Anmut der Harmonie? Du willst das Gewürze würzen. G'nug, wenn die Erfindung des Dichters ist; der Vortrag sei des ungekünstelten Geschichtsschreibers, so wie der Sinn des Weltweisen.'

Ich wollte antworten, aber die Muse verschwand. 'Sie verschwand?' höre ich einen Leser fragen. 'Wenn du uns doch nur wahrscheinlicher täuschen wolltest! Die seichten Schlüsse, auf die dein Unvermögen dich führte, der Muse in den Mund zu legen! Zwar ein gewöhnlicher Betrug-'

Vortrefflich, mein Leser! Mir ist keine Muse erschienen. Ich erzähle eine bloße Fabel, aus der du selbst die Lehre gezogen. Ich bin nicht der erste und werde nicht der letzte sein, der seine Grillcn zu Orakelsprüchen einer göttlichen Erscheinung macht.

Die Eule und der Schatzgräber


Jener Schatzgräber war ein sehr unbilliger Mann. Er wagte sich in die Ruinen eines alten Raubschlosses und ward da gewahr, daß die Eule eine magere Maus ergriff und verzehrte. 'Schickt sich das', sprach er, 'für den philosophischen Liebling Minervens?'

'Warum nicht?' versetzte die Eule. 'Weil ich stille Betrachtungen liebe, kann ich deswegen von der Luft leben? Ich weiß zwar, daß ihr Menschen es von euren Gelehrten verlanget - -'

Die Furien


'Meine Furien', sagte Pluto zu dem Boten der Götter, 'werden alt und stumpf. Ich brauche frische. Geh also, Merkur, und suche mir auf der Oberwelt drei tüchtige Weibspersonen dazu aus.' Merkur ging.

Kurz darauf sagte Juno zu ihrer Dienerin: 'Glaubtest du wohl, Iris, unter den Sterblichen zwei oder drei vollkommen strenge, züchtige Mädchen zu finden? Aber vollkommen strenge! Verstehst du mich? Um Cytheren hohnzusprechen, die sich das ganze weibliche Geschlecht unterworfen zu haben rühmt. Geh immer und sieh, wo du sie auftreibst.' Iris ging. -

In welchem Winkel der Erde suchte nicht die gute Iris! Und dennoch umsonst! Sie kam ganz allein wieder, und Juno rief ihr entgegen: 'Ist es möglich? O Keuschheit! O Tugend!' 'Göttin', sagte Iris, 'ich hätte dir wohl drei Mädchen bringen können, die alle drei vollkommen streng und züchtig gewesen; die alle drei nie einer Mannsperson gelächelt, die alle drei den geringsten Funken der Liebe in ihren Herzen erstickt; aber ich kam, leider, zu spät.' 'Zu spät?' sagte Juno. 'Wieso?' 'Eben hatte sie Merkur für den Pluto abgeholt.' 'Für den Pluto? Und wozu will Pluto diese Tugendhaften?' 'Zu Furien.'

Die Gans


Die Federn einer Gans beschämten den neugeborenen Schnee. Stolz auf dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane als zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche herum. Bald dehnte sie ihren Hals, dessen verräterischer Kürze sie mit aller Macht abhelfen wollte; bald suchte sie ihm die prächtige Biegung zu geben, in welcher der Schwan das würdige Ansehen eines Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er war zu steif, und mit aller ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter, als daß sie eine lächerliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden.


Die Geschichte des alten Wolfs


Der böse Wolf war zu Jahren gekommen und faßte den gleißenden Entschluß, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er machte sich also auf und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren. - 'Schäfer', sprach er, 'du nennst mich den blutgierigen Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freilich muß ich mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin.'

'Wenn du satt bist? Das kann wohl sein', versetzte der Schäfer. 'Aber wann bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie! Geh deinen Weg!'

Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer. 'Du weißt, Schäfer', war seine Anrede, 'daß ich dir das Jahr durch manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben, so bin ich zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen und die Hunde ohne Bedenken abschaffen.' 'Sechs Schafe?' sprach der Schäfer. 'Das ist ja eine ganze Herde!' 'Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen', sagte der Wolf. 'Du scherzest; fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfre ich kaum im ganzen Jahre dem Pan.' 'Auch nicht viere?' fragte der Wolf weiter, und der Schäfer schüttelte spöttisch den Kopf. 'Drei? - Zwei?' 'Nicht ein einziges', fiel endlich der Bescheid. Denn es wäre ja wohl töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich mich durch meine Wachsamkeit sichere kann.'

'Aller guten Dinge sind drei', dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.

'Es geht mir recht nahe', sprach er, 'daß ich unter euch Schäfern als das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, will ich jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher macht als ich, frei und unbeschädigt weiden dürfen. Ein Schaf? Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger, könnte ich uneigennütziger handeln? - Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?' 'O über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?' sprach der Schäfer. 'Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine liebsten Lämmer zu würgen.' 'Erzürne dich nicht, alter Isegrim! Es tut mir leid, daß du mit deinem Vorschlage einige Jahre zu spät kommst. Deine ausgerissenen Zähne verraten dich. Du spielst den Uneigennützigen, bloß, um dich desto gemächlicher, mit desto weniger Gefahr nähren zu können.'

Der Wolf ward ärgerlich, faßte sich aber doch und ging zu dem vierten Schäfer. Diesem war eben sein treuer Hund gestorben, und der Wolf machte sich den Umstand zunutze.

'Schäfer', sprach er, 'ich habe mich mit meinen Brüdern im Walde veruneinigt und so, daß ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen aussöhnen werde. Du weißt, wieviel du von ihnen zu fürchten hast! Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen willst, so stehe ich dir dafür, daß sie keines deiner Schafe auch nur scheel ansehen sollen.'

'Du willst sie also', versetzte der Schäfer, 'gegen deine Brüder im Walde beschützen?' 'Was meine ich denn sonst? Freilich.' 'Das wäre nicht übel! Aber wenn ich dich nun in meine Horde einnähme, sage mir doch, wer sollte alsdann meine armen Schafe gegen dich beschützen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Dieben außer dem Hause sicher zu sein, das halten wir Menschen . . . ' 'Ich höre schon', sagte der Wolf, 'du fängst an zu moralisieren. Lebe wohl!'

'Wäre ich nicht so alt!' knirschte der Wolf. 'Aber ich muß mich leider in die Zeit schicken.' Und so kam er zu dem fünften Schäfer. 'Kennst du mich, Schäfer?' fragte der Wolf. 'Deinesgleichen wenigstens kenne ich', versetzte der Schäfer. 'Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr. Ich bin ein so sonderbarer Wolf, daß ich deiner und aller Schäfer Freundschaft wohl wert bin.'

'Und wie sonderbar bist du denn?' 'Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und fressen, und wenn es mir das Leben kosten sollte. Ich nähre mich bloß mit toten Schafen. Ist das nicht löblich? Erlaube mir also immer, daß ich mich dann und wann bei deiner Herde einfinden und nachfragen darf, ob dir nicht . . . ' 'Spare der Worte!' sagte der Schäfer. 'Du müßtest gar keine Schafe fressen, auch nicht einmal tote, wenn ich dein Feind nicht sein sollte. Ein Tier, das mir schon tote Schafe frißt, lernt leicht aus Hunger kranke Schafe für tot und gesunde für krank anzusehen. Mache auf meine Freundschaft also keine Rechnung und geh!'

'Ich muß nun schon mein Liebstes daran wenden, um zu meinem Zwecke zu gelangen!' dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schäfer. 'Schäfer, wie gefällt dir mein Pelz?' fragte der Wolf. 'Dein Pelz?' sagte der Schäfer. 'Laß sehen! Er ist schön; die Hunde müssen dich nicht oft untergehabt haben.' 'Nun, so höre, Schäfer: Ich bin alt und werde es so lange nicht mehr treiben. Füttere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz.' 'Ei, sieh doch!' sagte der Schäfer. 'Kommst du auch hinter die Schliche der alten Geizhälse? Nein, nein; dein Pelz würde mich am Ende siebenmal mehr kosten, als er wert wäre. Ist es dir aber Ernst, mir ein Geschenk zu machen, so gib ihn mir gleich jetzt.'

Hiermit griff der Schäfer nach der Keule, und der Wolf floh. 'O die Unbarmherzigen!' schrie der Wolf und geriet in äußerste Wut. 'So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger tötet; denn sie wollen es nicht besser!' Er lief, brach in die Wohnungen der Schäfer ein, riß ihre Kinder nieder und ward nicht ohne große Mühe von den Schäfern erschlagen.

Da sprach der weiseste von ihnen: 'Wir taten doch wohl unrecht, daß wir den alten Räuber auf das Äußerste brachten und ihm alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch war, benahmen!'

Die Nachtigall und die Lerche


Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über alle Fassung des größten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte: 'Schwingst du dich, Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehört zu werden?'

Die Pfauen und die Krähe


Eine stolze Krähe schmückte sich mit den ausgefallenen Federn der farbigen Pfaue und mischte sich kühn, als sie genug geschmückt zu sein glaubte, unter diese glänzenden Vögel der Juno. Sie ward erkannt, und schnell fielen die Pfaue mit scharfen Schnäbeln auf sie, ihr den betrügerischen Putz auszureißen.

'Lasset nach!' schrie sie endlich, 'ihr habt nun alle das Eurige wieder.' Doch die Pfaue, welche einige von den eigenen glänzenden Schwingfedern der Krähe bemerkt hatten, versetzten: 'Schweig, armselige Närrin, auch diese können nicht dein sein!' - und hackten weiter.

Die Schwalbe


Glaubt mir, Freunde, die große Welt ist nicht für den Weisen, ist nich für den Dichter! Man kennt da ihren wahren Wert nicht, und ach! sie sind oft schwach genug, ihn mit einem nichtigen zu vertauschen.

In den ersten Zeiten war die Schwalbe ein ebenso tonreicher melodischer Vogel wie die Nachtigall. Sie ward es aber bald müde, in den einsamen Büschen zu wohnen und da von niemandem als dem fleißige Landmanne und der unschuldigen Schäferin gehört und bewundert zu werden. Sie verließ ihre demütigere Freundin und zog in die Stadt. - Was geschah? Weil man in der Stadt nicht Zeit hatte, ihr göttliches Lied zu hören, so verlernte sie es nach und nach und lernte dafür - bauen.

Die Sperlinge


Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzählige Nester gab, ward ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze dastand, kamen die Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden sie alle vermauert. 'Zu was', schrien sie, 'taugt denn nun das große Gebäude? Kommt, verlaßt den unbrauchbaren Steinhaufen!'



Die Traube


Ich kenne einen Dichter, dem die schreiende Bewunderung seiner kleinen Nachahmer weit mehr geschadet hat als die neidische Verachtung seiner Kunstrichter.

'Sie ist ja doch sauer!' sagte der Fuchs von der Traube, nach der er lange genug vergebens gesprungen war. Das hörte ein Sperling und sprach: 'Sauer sollte die Traube sein? Danach sieht sie mir doch nicht aus!' Er flog hin und kostete und fand sie ungemein süß und rief hundert näschige Brüder herbei. 'Kostet doch!' schrie er, 'kostet doch! Diese treffliche Traube schalt der Fuchs sauer.'

Sie kosteten alle, und in wenigen Augenblicken ward die Traube so zugerichtet, daß nie ein Fuchs wieder danach sprang.

Die Wasserschlange


Zeus hatte nunmehr den Fröschen einen anderen König gegeben; anstatt eines friedlichen Klotzes eine gefräßige Wasserschlange. 'Willst du unser König sein', schrien die Frösche, 'warum verschlingst du uns?' - 'Darum', antwortete die Schlange, 'weil ihr um mich gebeten habt.' - 'Ich habe nicht um dich gebeten!' rief einer von den Fröschen, den sie schon mit den Augen verschlang. - 'Nicht?' sagte die Wasserschlange. 'Desto schlimmer! So muß ich dich verschlingen, weil du nicht um mich gebeten hast.'

Die Ziegen


Die Ziegen baten den Zeus, auch ihnen Hörner zu geben; denn anfangs hatten die Ziegen keine Hörner.

'Überlegt es wohl, was ihr bittet', sagte Zeus. 'Es ist mit dem Geschenke der Hörner ein anderes unzertrennlich verbunden, das euch so angenehm nicht sein möchte.'

Doch die Ziegen beharrten auf ihrer Bitte, und Zeus sprach: 'So habt denn Hörner!'

Und die Ziegen bekamen Hörner - und Bart! Denn anfangs hatten die Ziegen auch keinen Bart. O wie schmerzte sie der häßliche Bart, weit mehr, als sie die stolzen Hörner erfreuten!

Die eherne Bildsäule


Die eherne Bildsäule eines vortrefflichen Künstlers schmolz durch die Hitze einer wütenden Feuersbrunst in einen Klumpen. Dieser Klumpen kam einem anderen Künstler in die Hände, und durch seine Geschicklichkeit verfertigte er eine neue Bildsäule daraus, von der ersteren in dem, was sie vorstellte, unterschieden, an Geschmack und Schönheit aber ihr gleich.

Der Neid sah es und knirschte. Endlich besann er sich auf einen armseligen Trost: Der gute Mann würde dieses noch ganz erträgliche Stück auch nicht hervorgebracht haben, wenn ihm nicht die Materie der alten Bildsäule dabei zustatten gekommen wäre.

Die junge Schwalbe


'Was macht ihr da?' fragte eine junge Schwalbe die geschäftigen Ameisen. 'Wir sammeln Vorrat für den Winter', war die Antwort. 'Das ist klug', sagte die Schwalbe, 'das will ich auch tun.' Und gleich fing sie an, eine Menge toter Spinnen und Fliegen in ihr Nest zu tragen. 'Aber wozu soll das?' fragte endlich ihre Mutter.

'Wozu? Das ist Vorrat für den bösen Winter, liebe Mutter. Sammle doch auch! Die Ameisen haben mich diese Vorsicht gelehrt'

'Laß nur die Ameisen!' versetzte die Mutter. 'Uns Schwalben hat die Natur ein schöneres Los bereitet. Wenn der reiche Sommer sich wendet, dann ziehen wir fort von hier.'

Jupiter und das Schaf


Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend. Es mußte viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das Schafweibchen war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu verstecken. Auch mußte es achtgeben, daß der Wolf es nicht entdeckte, denn dieser strolchte auf dem dichtbebuschten Nachbarhügel herum. Außerdem war es wirklich ein Wunder, daß der Bär aus der waldigen Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch nicht erwischt hatte.

An einem Sonntag beschloß das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und ihn um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte ihm sein Leid. 'Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, daß ich dich allzu schutzlos geschaffen habe', sprach der Gott freundlich, 'darum will ich dir auch helfen. Aber du mußt selber wählen, was für eine Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, daß ich dein Gebiß mit scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und deine Füße mit spitzen Krallen bewaffne?'

Das Schaf schauderte. 'O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den wilden, mörderischen Raubtieren nichts gemein haben.' 'Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?' Das Schaf wich bei dieser Vorstellung einen Schritt zurück. 'Bitte nicht, gnädiger Herrscher, die Giftnattern werden ja überall so sehr gehaßt.' 'Nun, was willst du dann haben?' fragte Jupiter geduldig. 'Ich könnte Hörner auf deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?'

'Auch das bitte nicht', wehrte das Schaf schüchtern ab, 'mit meinem Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein Bock.' 'Mein liebes Schaf', belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf, 'wenn du willst, daß andere dir keinen Schaden zufügen, so mußt du gezwungenerweise selber schaden können.' 'Muß ich das?' seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte es: 'Gütiger Vater, laß mich doch lieber so sein, wie ich bin. Ich fürchte, daß ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung gebrauchen würde, sondern daß mit der Kraft und den Waffen zugleich auch die Lust zum Angriff erwacht.'

Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr über sein Schicksal.

Merops


'Ich muß dich doch etwas fragen', sprach ein junger Adler zu einem tiefsinnigen grundgelehrten Uhu. 'Man sagt, es gäbe einen Vogel mit Namen Merops, der, wenn er in die Luft steige, mit dem Schwanze voraus, den Kopf gegen die Erde gekehrt, fliege. Ist das wahr?'

'Ei nicht doch!' antwortete der Uhu; 'das ist eine alberne Erdichtung des Menschen. Er mag selbst ein solcher Merops sein, weil er nur gar zu gern gen Himrnel erfliegen möchte, ohne die Erde auch nur einen Augenblick aus dem Gesichte zu verlieren.'

Minerva


Laß sie doch, Freund! laß sie, die kleinen hämischen Neider deines wachsenden Ruhmes! Warum will dein Witz ihre der Vergessenheit bestimmte Namen verewigen?

In dem unsinnigen Kriege, welchen die Riesen wider die Götter führten, stellten die Riesen der Minerva einen schrecklichen Drachen entgegen. Minerva aber ergriff den Drachen und schleuderte ihn mit gewaltiger Hand an das Firmament. Da glänzt er noch, und was so oft großer Taten Belohnung war, ward des Drachens beneidenswürdige Strafe.

Zeus und das Pferd


'Vater der Tiere und Menschen', so sprach das Pferd und nahte sich dem Throne des Zeus, 'man will, ich sei eines der schönsten Geschöpfe, womit du die Welt geziert, und meine Eigenliebe heißt es mich glauben. Aber sollte gleichwohl nicht noch verschiedenes an mit zu bessern sein?' 'Und was meinst du denn, das an dir zu bessern sei? Rede, ich nehme Lehre an', sprach der gute Gott und lächelte.

'Viell-eicht', sprach das Pferd weiter, 'würde ich flüchtiger sein, wenn meine Beine höher und schmächtiger wären; ein langer Schwanenhals würde mich nicht verstellen; eine breitere Brust wurde meine Stärke vermehren; und da du mich doch einmal bestimmt hast, deinen Liebling, den Menschen, zu tragen, so könnte mir ja wohl der Sattel anerschaffen sein, den mir der wohltätige Reiter auflegt.'

'Gut', versetzte Zeus, 'gedulde dich einen Augenblickl' Zeus, mit ernstem Gesichte, sprach das Wort der Schöpfung. Da quoll Leben in den Staub, da verband sich organisierter Stoff; und plötzlich stand vor dem Throne - das häßliche Kamel.

Das Pferd sah, schauderte und zitterte vor entsetzendem Abscheu. 'Hier sind höhere und mächtigere Beine', sprach Zeus; 'hier ist ein langer Schwanenhals; hier ist eine breite Brust; hier ist der anerschaffene Sattel! Willst du, Pferd, daß ich dich so umbilden soll?' Das Pferd zitterte noch. 'Geh', fuhr Zeus fort; 'dieses Mal sei belehrt, ohne bestraft zu werden. Dich deiner Vermessenheit aber dann und wann reuend zu erinnern, so daure du fort, neues Geschöpf' - Zeus warf einen erhaltenden Blick auf das Kamel - - 'und das Pferd erblicke dich nie, ohne zu schaudern.'

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

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