Der Rangstreit der
Tiere
1.
Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren. Ihn zu
schlichten, sprach das Pferd: 'Lasset uns den Menschen zu Rate ziehen, er
ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer
sein.'
'Aber hat er auch den Verstand dazu?' ließ sich ein Maulwurf hören. 'Er
braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten
Vollkommenheiten zu erkennen.'
'Das war sehr weislich erinnert!' sprach der Hamster.
'Jawohl!' rief auch der Igel. 'Ich glaube es nimmermehr, daß der Mensch
Scharfsichtigkeit genug besitzt.'
'Schweigt ihr!' befahl das Pferd. 'Wir wissen schon: wer sich auf die
Güte seiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am fettigsten,
die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen.'
2.
Der Mensch ward Richter. - 'Noch ein Wort', rief ihm der majestätische
Löwe zu, 'bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, willst
du unsern Wert bestimmen?'
'Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel', antwortete der
Mensch, 'in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich seid.'
'Vortrefflich!' versetzte der beleidigte Löwe. 'Wie weit würde ich
alsdann unter den Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter nicht
sein, Mensch! Verlaß die Versammlung!'
3.
Der Mensch entfernte sich. - 'Nun', sprach der höhnische Maulwurf -
(und ihm stimmten der Hamster und der Igel wieder bei) - 'siehst du,
Pferd? Der Löwe meint es auch, daß der Mensch unser Richter nicht sein
kann. Der Löwe denkt wie wir.'
'Aber aus bessem Gründen als ihr!' sagte der Löwe und warf ihnen einen
verächtlichen Blick zu.
4.
Der Löwe fuhr weiter fort: 'Der Rangstreit, wenn ich es recht überlege,
ist ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich für den Vornehmsten oder für
den Geringsten; es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich!' - Und so
ging er aus der Versammlung.
Ihm folgte der weise Elefant, der kühne Tiger, der ernsthafte Bär, der
kluge Fuchs, das edle Pferd, kurz, alle, die ihren Wert fühlten oder zu
fühlen glaubten.
Die sich am letzten wegbegeben und über die zerrissene Versammlung am
meisten murrten, waren - der Affe und der Esel.
Der Sperling
und der Strauß
'Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz wie du willst', sprach
der Sperling zu dem Strauße; 'ich bin doch mehr ein Vogel als du. Denn du
kannst nicht fliegen, ich aber fliege, obgleich nicht hoch, obgleich nur
ruckweise.'
Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen
verliebten Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber
einer langen Hermanniade.
Der Strauß
Das pfeilschnelle Renntier sah den Strauß und sprach: 'Das Laufen des
Straußes ist so außerordentlich eben nicht; aber ohne Zweifel fliegt er
desto besser.'
Ein andermal sah der Adler den Strauß und sprach: 'Fliegen kann der
Strauß nun wohl nicht; aber ich glaube, er muß gut laufen können.'
Der Wolf auf dem
Todbette
Der Wolf lag in den letzten Zügen und schickte einen prüfenden Blick
auf sein vergangenes Leben zurück. 'Ich bin freilich ein Sünder', sagte
er; 'aber doch, ich hoffe, keiner von den größten. Ich habe Böses getan;
aber auch viel Gutes. Einstmals, erinnere ich mich, kam mir ein blökendes
Lamm, welches sich von der Herde verirret hatte, so nahe, daß ich es gar
leicht hätte würgen können; und ich tat ihm nichts. Zu eben dieser Zeit
hörte ich die Spöttereien und Schmähungen eines Schafes mit der
bewunderungswürdigsten Gleichgültigkeit an, ob ich schon keine schützenden
Hunde zu fürchten hatte.'
'Und das alles kann ich dir bezeugen', fiel ihm Freund Fuchs, der ihn
zum Tode bereiten half, ins Wort. 'Denn ich erinnere mich noch gar wohl
aller Umstände dabei. Es war zu eben der Zeit, als du an dem Knochen so
jämmerlich würgtest, den dir der gutherzige Kranich hernach aus dem
Schlunde zog.'
Der Wolf und der
Schäfer
Ein Schäfer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde
verloren. Das erfuhr der Wolf und kam, seine Kondolenz abzustatten.
'Schäfer', sprach er, 'ist es wahr, daß dich ein so grausames Unglück
betroffen? Du bist um deine ganze Herde gekommen? Die liebe, fromme, fette
Herde! Du dauerst mich, und ich möchte blutige Tränen weinen.'
'Habe Dank, Meister Isegrim', versetzte der Schäfer. 'Ich sehe, du hast
ein sehr mitleidiges Herz.'
'Das hat er auch wirklich', fügte des Schäfers Hylax hinzu, 'sooft er
unter dem Unglücke seines Nächsten selbst leidet.'
Der hungrige
Fuchs
'Ich bin zu einer unglücklichen Stunde geboren!' so klagte ein junger
Fuchs einem alten. 'Fast keiner von meinen Anschlägen will mir
gelingen.'
'Deine Anschläge', sagte der ältere Fuchs, 'werden ohne Zweifel doch
klug sein. Laß doch hören, wann machst du deine Anschläge?'
'Wann ich sie mache? Wann anders, als wenn mich hungert?'
'Wenn dich hungert?' fuhr der alte Fuchs fort. 'Ja! da haben wir es!
Hunger und Überlegung sind nie beisammen. Mache sie künftig, wenn du satt
bist, und sie werden besser ausfallen.'
Der junge und
der alte Hirsch
Ein Hirsch, den die gütige Natur Jahrhunderte hat leben lassen, sagte
einst zu einem seiner Enkel: 'Ich kann mich der Zeit noch sehr wohl
erinnern, da der Mensch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfunden
hatte.'
'Welche glückliche Zeit muß das für unser Geschlecht gewesen sein!'
seufzte der Enkel.
'Du schließest zu geschwind!' sagte der alte Hirsch. 'Die Zeit war
anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstatt des Feuerrohrs,
Pfeile und Bogen, und wir waren ebenso schlimm daran als jetzt.'
Die Eiche
Der rasende Nordwind hatte seine Stärke in einer stürmischen Nacht an
einer erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt, und eine Menge
niedriger Sträucher lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der seine
Grube nicht weit davon hatte, sah sie des Morgens darauf. 'Was für ein
Baum!' rief er. 'Hätte ich doch nimmermehr gedacht, daß er so groß gewesen
wäre!'
Die Eiche und das
Schwein
Ein gefräßiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der
herabgefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiß, verschluckte es
bereits eine andere mit dem Auge.
'Undankbares Vieh!' rief endlich der Eichbaum herab. 'Du nährst dich
von meinen Früchten ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in die
Höhe zu richten.'
Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: 'Meine
dankbaren Blicke sollten nicht außen bleiben, wenn ich nur wüßte, daß du
deine Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen.'
Die
Erscheinung
In der einsamsten Tiefe jenes Waldes, wo ich schon manches redende Tier
belauscht, lag ich an einem sanften Wasserfalle und war bemüht, einem
meiner Märchen den leichten poetischen Schmuck zu geben, in welchem am
liebsten zu erscheinen La Fontaine die Fabel fast verwöhnt hat. Ich sann,
ich wählte, ich verwarf, die Stirne glühte - - Umsonst, es kam nichts auf
das Blatt. Voll Unwill sprang ich auf; aber sieh! - auf einmal stand sie
selbst, die fabelnde Muse vor mir.
Und sie sprach lächelnd: 'Schüler, wozu die undankbare Mühe? Die
Wahrheit braucht die Anmut der Fabel; aber wozu braucht die Fabel die
Anmut der Harmonie? Du willst das Gewürze würzen. G'nug, wenn die
Erfindung des Dichters ist; der Vortrag sei des ungekünstelten
Geschichtsschreibers, so wie der Sinn des Weltweisen.'
Ich wollte antworten, aber die Muse verschwand. 'Sie verschwand?' höre
ich einen Leser fragen. 'Wenn du uns doch nur wahrscheinlicher täuschen
wolltest! Die seichten Schlüsse, auf die dein Unvermögen dich führte, der
Muse in den Mund zu legen! Zwar ein gewöhnlicher Betrug-'
Vortrefflich, mein Leser! Mir ist keine Muse erschienen. Ich erzähle
eine bloße Fabel, aus der du selbst die Lehre gezogen. Ich bin nicht der
erste und werde nicht der letzte sein, der seine Grillcn zu Orakelsprüchen
einer göttlichen Erscheinung macht.
Die Eule und
der Schatzgräber
Jener Schatzgräber war ein sehr unbilliger Mann. Er wagte sich in die
Ruinen eines alten Raubschlosses und ward da gewahr, daß die Eule eine
magere Maus ergriff und verzehrte. 'Schickt sich das', sprach er, 'für den
philosophischen Liebling Minervens?'
'Warum nicht?' versetzte die Eule. 'Weil ich stille Betrachtungen
liebe, kann ich deswegen von der Luft leben? Ich weiß zwar, daß ihr
Menschen es von euren Gelehrten verlanget - -'
Die Furien
'Meine Furien', sagte Pluto zu dem Boten der Götter, 'werden alt und
stumpf. Ich brauche frische. Geh also, Merkur, und suche mir auf der
Oberwelt drei tüchtige Weibspersonen dazu aus.' Merkur ging.
Kurz darauf sagte Juno zu ihrer Dienerin: 'Glaubtest du wohl, Iris,
unter den Sterblichen zwei oder drei vollkommen strenge, züchtige Mädchen
zu finden? Aber vollkommen strenge! Verstehst du mich? Um Cytheren
hohnzusprechen, die sich das ganze weibliche Geschlecht unterworfen zu
haben rühmt. Geh immer und sieh, wo du sie auftreibst.' Iris ging. -
In welchem Winkel der Erde suchte nicht die gute Iris! Und dennoch
umsonst! Sie kam ganz allein wieder, und Juno rief ihr entgegen: 'Ist es
möglich? O Keuschheit! O Tugend!'
'Göttin', sagte Iris, 'ich hätte dir wohl drei Mädchen bringen können,
die alle drei vollkommen streng und züchtig gewesen; die alle drei nie
einer Mannsperson gelächelt, die alle drei den geringsten Funken der Liebe
in ihren Herzen erstickt; aber ich kam, leider, zu spät.'
'Zu spät?' sagte Juno. 'Wieso?'
'Eben hatte sie Merkur für den Pluto abgeholt.'
'Für den Pluto? Und wozu will Pluto diese Tugendhaften?'
'Zu Furien.'
Die Gans
Die Federn einer Gans beschämten den neugeborenen Schnee. Stolz auf
dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane als
zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von ihresgleichen
ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche herum. Bald dehnte
sie ihren Hals, dessen verräterischer Kürze sie mit aller Macht abhelfen
wollte; bald suchte sie ihm die prächtige Biegung zu geben, in welcher der
Schwan das würdige Ansehen eines Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er
war zu steif, und mit aller ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter,
als daß sie eine lächerliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden.
Die
Geschichte des alten Wolfs Der böse Wolf war zu Jahren gekommen und
faßte den gleißenden Entschluß, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß
zu leben. Er machte sich also auf und kam zu dem Schäfer, dessen Horden
seiner Höhle die nächsten waren. - 'Schäfer', sprach er, 'du nennst mich
den blutgierigen Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freilich muß ich
mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh.
Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit
mir recht wohl zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste,
sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin.'
'Wenn du satt bist? Das kann wohl sein', versetzte der Schäfer. 'Aber
wann bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie! Geh deinen
Weg!'
Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer. 'Du weißt, Schäfer',
war seine Anrede, 'daß ich dir das Jahr durch manches Schaf würgen könnte.
Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben, so bin ich
zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen und die Hunde ohne Bedenken
abschaffen.'
'Sechs Schafe?' sprach der Schäfer. 'Das ist ja eine ganze
Herde!'
'Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen', sagte der
Wolf.
'Du scherzest; fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfre ich kaum im
ganzen Jahre dem Pan.'
'Auch nicht viere?' fragte der Wolf weiter, und der Schäfer schüttelte
spöttisch den Kopf.
'Drei? - Zwei?'
'Nicht ein einziges', fiel endlich der Bescheid. Denn es wäre ja wohl
töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich mich
durch meine Wachsamkeit sichere kann.'
'Aller guten Dinge sind drei', dachte der Wolf und kam zu einem dritten
Schäfer.
'Es geht mir recht nahe', sprach er, 'daß ich unter euch Schäfern als
das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, will ich
jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich ein Schaf, so
soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher macht als ich, frei
und unbeschädigt weiden dürfen. Ein Schaf? Welche Kleinigkeit! Könnte ich
großmütiger, könnte ich uneigennütziger handeln? - Du lachst, Schäfer?
Worüber lachst du denn?'
'O über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?' sprach der
Schäfer.
'Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine liebsten
Lämmer zu würgen.'
'Erzürne dich nicht, alter Isegrim! Es tut mir leid, daß du mit deinem
Vorschlage einige Jahre zu spät kommst. Deine ausgerissenen Zähne verraten
dich. Du spielst den Uneigennützigen, bloß, um dich desto gemächlicher,
mit desto weniger Gefahr nähren zu können.'
Der Wolf ward ärgerlich, faßte sich aber doch und ging zu dem vierten
Schäfer. Diesem war eben sein treuer Hund gestorben, und der Wolf machte
sich den Umstand zunutze.
'Schäfer', sprach er, 'ich habe mich mit meinen Brüdern im Walde
veruneinigt und so, daß ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen
aussöhnen werde. Du weißt, wieviel du von ihnen zu fürchten hast! Wenn du
mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen willst, so
stehe ich dir dafür, daß sie keines deiner Schafe auch nur scheel ansehen
sollen.'
'Du willst sie also', versetzte der Schäfer, 'gegen deine Brüder im
Walde beschützen?'
'Was meine ich denn sonst? Freilich.'
'Das wäre nicht übel! Aber wenn ich dich nun in meine Horde einnähme,
sage mir doch, wer sollte alsdann meine armen Schafe gegen dich
beschützen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Dieben außer dem Hause
sicher zu sein, das halten wir Menschen . . . '
'Ich höre schon', sagte der Wolf, 'du fängst an zu moralisieren. Lebe
wohl!'
'Wäre ich nicht so alt!' knirschte der Wolf. 'Aber ich muß mich leider
in die Zeit schicken.' Und so kam er zu dem fünften Schäfer.
'Kennst du mich, Schäfer?' fragte der Wolf.
'Deinesgleichen wenigstens kenne ich', versetzte der Schäfer.
'Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr. Ich bin ein so sonderbarer
Wolf, daß ich deiner und aller Schäfer Freundschaft wohl wert bin.'
'Und wie sonderbar bist du denn?'
'Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und fressen, und wenn es mir
das Leben kosten sollte. Ich nähre mich bloß mit toten Schafen. Ist das
nicht löblich?
Erlaube mir also immer, daß ich mich dann und wann bei deiner Herde
einfinden und nachfragen darf, ob dir nicht . . . '
'Spare der Worte!' sagte der Schäfer. 'Du müßtest gar keine Schafe
fressen, auch nicht einmal tote, wenn ich dein Feind nicht sein sollte.
Ein Tier, das mir schon tote Schafe frißt, lernt leicht aus Hunger kranke
Schafe für tot und gesunde für krank anzusehen. Mache auf meine
Freundschaft also keine Rechnung und geh!'
'Ich muß nun schon mein Liebstes daran wenden, um zu meinem Zwecke zu
gelangen!' dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schäfer.
'Schäfer, wie gefällt dir mein Pelz?' fragte der Wolf.
'Dein Pelz?' sagte der Schäfer. 'Laß sehen! Er ist schön; die Hunde
müssen dich nicht oft untergehabt haben.'
'Nun, so höre, Schäfer: Ich bin alt und werde es so lange nicht mehr
treiben. Füttere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz.'
'Ei, sieh doch!' sagte der Schäfer. 'Kommst du auch hinter die Schliche
der alten Geizhälse? Nein, nein; dein Pelz würde mich am Ende siebenmal
mehr kosten, als er wert wäre. Ist es dir aber Ernst, mir ein Geschenk zu
machen, so gib ihn mir gleich jetzt.'
Hiermit griff der Schäfer nach der Keule, und der Wolf floh.
'O die Unbarmherzigen!' schrie der Wolf und geriet in äußerste
Wut.
'So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger tötet;
denn sie wollen es nicht besser!'
Er lief, brach in die Wohnungen der Schäfer ein, riß ihre Kinder nieder
und ward nicht ohne große Mühe von den Schäfern erschlagen.
Da sprach der weiseste von ihnen: 'Wir taten doch wohl unrecht, daß wir
den alten Räuber auf das Äußerste brachten und ihm alle Mittel zur
Besserung, so spät und erzwungen sie auch war, benahmen!'
Die
Nachtigall und die Lerche
Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über
alle Fassung des größten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als was die
Nachtigall einst zu der Lerche sagte: 'Schwingst du dich, Freundin, nur
darum so hoch, um nicht gehört zu werden?'
Die Pfauen und die
Krähe
Eine stolze Krähe schmückte sich mit den ausgefallenen Federn der
farbigen Pfaue und mischte sich kühn, als sie genug geschmückt zu sein
glaubte, unter diese glänzenden Vögel der Juno. Sie ward erkannt, und
schnell fielen die Pfaue mit scharfen Schnäbeln auf sie, ihr den
betrügerischen Putz auszureißen.
'Lasset nach!' schrie sie endlich, 'ihr habt nun alle das Eurige
wieder.' Doch die Pfaue, welche einige von den eigenen glänzenden
Schwingfedern der Krähe bemerkt hatten, versetzten: 'Schweig, armselige
Närrin, auch diese können nicht dein sein!' - und hackten weiter.
Die
Schwalbe
Glaubt mir, Freunde, die große Welt ist nicht für den Weisen, ist nich
für den Dichter! Man kennt da ihren wahren Wert nicht, und ach! sie sind
oft schwach genug, ihn mit einem nichtigen zu vertauschen.
In den ersten Zeiten war die Schwalbe ein ebenso tonreicher melodischer
Vogel wie die Nachtigall. Sie ward es aber bald müde, in den einsamen
Büschen zu wohnen und da von niemandem als dem fleißige Landmanne und der
unschuldigen Schäferin gehört und bewundert zu werden. Sie verließ ihre
demütigere Freundin und zog in die Stadt. - Was geschah? Weil man in der
Stadt nicht Zeit hatte, ihr göttliches Lied zu hören, so verlernte sie es
nach und nach und lernte dafür - bauen.
Die
Sperlinge
Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzählige Nester gab, ward
ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze dastand, kamen die
Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden sie
alle vermauert. 'Zu was', schrien sie, 'taugt denn nun das große Gebäude?
Kommt, verlaßt den unbrauchbaren Steinhaufen!'
Die Traube
Ich kenne einen Dichter, dem die schreiende Bewunderung seiner kleinen
Nachahmer weit mehr geschadet hat als die neidische Verachtung seiner
Kunstrichter.
'Sie ist ja doch sauer!' sagte der Fuchs von der Traube, nach der er
lange genug vergebens gesprungen war. Das hörte ein Sperling und sprach:
'Sauer sollte die Traube sein? Danach sieht sie mir doch nicht aus!' Er
flog hin und kostete und fand sie ungemein süß und rief hundert näschige
Brüder herbei. 'Kostet doch!' schrie er, 'kostet doch! Diese treffliche
Traube schalt der Fuchs sauer.'
Sie kosteten alle, und in wenigen Augenblicken ward die Traube so
zugerichtet, daß nie ein Fuchs wieder danach sprang.
Die
Wasserschlange
Zeus hatte nunmehr den Fröschen einen anderen König gegeben; anstatt
eines friedlichen Klotzes eine gefräßige Wasserschlange.
'Willst du unser König sein', schrien die Frösche, 'warum verschlingst
du uns?' - 'Darum', antwortete die Schlange, 'weil ihr um mich gebeten
habt.' -
'Ich habe nicht um dich gebeten!' rief einer von den Fröschen, den sie
schon mit den Augen verschlang. - 'Nicht?' sagte die Wasserschlange.
'Desto schlimmer! So muß ich dich verschlingen, weil du nicht um mich
gebeten hast.'
Die Ziegen
Die Ziegen baten den Zeus, auch ihnen Hörner zu geben; denn anfangs
hatten die Ziegen keine Hörner.
'Überlegt es wohl, was ihr bittet', sagte Zeus. 'Es ist mit dem
Geschenke der Hörner ein anderes unzertrennlich verbunden, das euch so
angenehm nicht sein möchte.'
Doch die Ziegen beharrten auf ihrer Bitte, und Zeus sprach: 'So habt
denn Hörner!'
Und die Ziegen bekamen Hörner - und Bart! Denn anfangs hatten die
Ziegen auch keinen Bart. O wie schmerzte sie der häßliche Bart, weit mehr,
als sie die stolzen Hörner erfreuten!
Die eherne
Bildsäule
Die eherne Bildsäule eines vortrefflichen Künstlers schmolz durch die
Hitze einer wütenden Feuersbrunst in einen Klumpen. Dieser Klumpen kam
einem anderen Künstler in die Hände, und durch seine Geschicklichkeit
verfertigte er eine neue Bildsäule daraus, von der ersteren in dem, was
sie vorstellte, unterschieden, an Geschmack und Schönheit aber ihr
gleich.
Der Neid sah es und knirschte. Endlich besann er sich auf einen
armseligen Trost: Der gute Mann würde dieses noch ganz erträgliche Stück
auch nicht hervorgebracht haben, wenn ihm nicht die Materie der alten
Bildsäule dabei zustatten gekommen wäre.
Die junge
Schwalbe
'Was macht ihr da?' fragte eine junge Schwalbe die geschäftigen
Ameisen.
'Wir sammeln Vorrat für den Winter', war die Antwort.
'Das ist klug', sagte die Schwalbe, 'das will ich auch tun.'
Und gleich fing sie an, eine Menge toter Spinnen und Fliegen in ihr
Nest zu tragen.
'Aber wozu soll das?' fragte endlich ihre Mutter.
'Wozu? Das ist Vorrat für den bösen Winter, liebe Mutter. Sammle doch
auch! Die Ameisen haben mich diese Vorsicht gelehrt'
'Laß nur die Ameisen!' versetzte die Mutter. 'Uns Schwalben hat die
Natur ein schöneres Los bereitet. Wenn der reiche Sommer sich wendet, dann
ziehen wir fort von hier.'
Jupiter und das
Schaf
Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend. Es
mußte viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der Flucht vor
Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das Schafweibchen
war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu verstecken. Auch
mußte es achtgeben, daß der Wolf es nicht entdeckte, denn dieser strolchte
auf dem dichtbebuschten Nachbarhügel herum. Außerdem war es wirklich ein
Wunder, daß der Bär aus der waldigen Schlucht unter ihm es und sein Kind
mit seinen riesigen Pranken noch nicht erwischt hatte.
An einem Sonntag beschloß das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und ihn
um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte ihm sein
Leid. 'Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, daß ich dich allzu schutzlos
geschaffen habe', sprach der Gott freundlich, 'darum will ich dir auch
helfen. Aber du mußt selber wählen, was für eine Waffe ich dir zu deiner
Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, daß ich dein Gebiß mit
scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und deine Füße mit spitzen Krallen
bewaffne?'
Das Schaf schauderte. 'O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den
wilden, mörderischen Raubtieren nichts gemein haben.'
'Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?' Das Schaf wich bei
dieser Vorstellung einen Schritt zurück. 'Bitte nicht, gnädiger Herrscher,
die Giftnattern werden ja überall so sehr gehaßt.'
'Nun, was willst du dann haben?' fragte Jupiter geduldig. 'Ich könnte
Hörner auf deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?'
'Auch das bitte nicht', wehrte das Schaf schüchtern ab, 'mit meinem
Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein
Bock.'
'Mein liebes Schaf', belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf, 'wenn
du willst, daß andere dir keinen Schaden zufügen, so mußt du
gezwungenerweise selber schaden können.'
'Muß ich das?' seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer
Weile sagte es: 'Gütiger Vater, laß mich doch lieber so sein, wie ich bin.
Ich fürchte, daß ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung gebrauchen
würde, sondern daß mit der Kraft und den Waffen zugleich auch die Lust zum
Angriff erwacht.'
Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in
das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr über
sein Schicksal.
Merops
'Ich muß dich doch etwas fragen', sprach ein junger Adler zu einem
tiefsinnigen grundgelehrten Uhu. 'Man sagt, es gäbe einen Vogel mit Namen
Merops, der, wenn er in die Luft steige, mit dem Schwanze voraus, den Kopf
gegen die Erde gekehrt, fliege. Ist das wahr?'
'Ei nicht doch!' antwortete der Uhu; 'das ist eine alberne Erdichtung
des Menschen. Er mag selbst ein solcher Merops sein, weil er nur gar zu
gern gen Himrnel erfliegen möchte, ohne die Erde auch nur einen Augenblick
aus dem Gesichte zu verlieren.'
Minerva
Laß sie doch, Freund! laß sie, die kleinen hämischen Neider deines
wachsenden Ruhmes! Warum will dein Witz ihre der Vergessenheit bestimmte
Namen verewigen?
In dem unsinnigen Kriege, welchen die Riesen wider die Götter führten,
stellten die Riesen der Minerva einen schrecklichen Drachen entgegen.
Minerva aber ergriff den Drachen und schleuderte ihn mit gewaltiger Hand
an das Firmament. Da glänzt er noch, und was so oft großer Taten Belohnung
war, ward des Drachens beneidenswürdige Strafe.
Zeus und das Pferd
'Vater der Tiere und Menschen', so sprach das Pferd und nahte sich dem
Throne des Zeus, 'man will, ich sei eines der schönsten Geschöpfe, womit
du die Welt geziert, und meine Eigenliebe heißt es mich glauben. Aber
sollte gleichwohl nicht noch verschiedenes an mit zu bessern sein?' 'Und
was meinst du denn, das an dir zu bessern sei? Rede, ich nehme Lehre an',
sprach der gute Gott und lächelte.
'Viell-eicht', sprach das Pferd weiter, 'würde ich flüchtiger sein,
wenn meine Beine höher und schmächtiger wären; ein langer Schwanenhals
würde mich nicht verstellen; eine breitere Brust wurde meine Stärke
vermehren; und da du mich doch einmal bestimmt hast, deinen Liebling, den
Menschen, zu tragen, so könnte mir ja wohl der Sattel anerschaffen sein,
den mir der wohltätige Reiter auflegt.'
'Gut', versetzte Zeus, 'gedulde dich einen Augenblickl' Zeus, mit
ernstem Gesichte, sprach das Wort der Schöpfung. Da quoll Leben in den
Staub, da verband sich organisierter Stoff; und plötzlich stand vor dem
Throne - das häßliche Kamel.
Das Pferd sah, schauderte und zitterte vor entsetzendem Abscheu.
'Hier sind höhere und mächtigere Beine', sprach Zeus; 'hier ist ein
langer Schwanenhals; hier ist eine breite Brust; hier ist der
anerschaffene Sattel! Willst du, Pferd, daß ich dich so umbilden
soll?'
Das Pferd zitterte noch.
'Geh', fuhr Zeus fort; 'dieses Mal sei belehrt, ohne bestraft zu werden.
Dich deiner Vermessenheit aber dann und wann reuend zu erinnern, so daure
du fort, neues Geschöpf' - Zeus warf einen erhaltenden Blick auf das Kamel
- - 'und das Pferd erblicke dich nie, ohne zu schaudern.' |