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Kann die Begeisterung nicht nachvollziehen
• • • •   (bewertet mit 1 von 5 Punkten)

Wer die Inszenierung von Gustav Gründgens kennt, die m.E. ebenso genial ist, wie das Werk an sich, kann von dieser Machart nur enttäuscht werden. Aber auch unbeachtet dessen gibt es eine Menge auszusetzen  bei allem Respekt, die diesem Vorhaben grundsätzlich gebührt.

1.) Der Teufel wirkte in der Darstellung (Bewegung, Aussprache, Mimik) eher etwas hilflos und umsprang Faust wie ein Trottel, statt ihn gerissen zu umgarnen. Er ist kein Charakter, der real jemanden mitreißen könnte.

2.) Der unverzauberte Faust (Bruno Ganz) hat den Text ziemlich herunter geleiert. Mit Verlaub, es hatte den Anschein, als würde er die gesamte Zeit einem Männchen im Ohr den Text nachsagen und seine Betonung ist stellenweise selbst gespannt, was denn gleich als nächstes kommen wird.

3.) Der blonde Schönling (verzauberter Faust) wirkte eher überheblich, nach der Befriedigung seiner Leidenschaft suchend, als nach tieferem Sinn suchend und seine Leidenschaft entdeckend.

4.) Auch Gretchen wirkte zum Teil etwas überheblich, patzig  was überhaupt nicht zur Rolle passt! Sie ist ja die, die Leid & Entbehrung mit größter Genügsamkeit hinnahm. Zudem schwang unterschwellig auch eine gewisse Abgeklärtheit mit, das Naive, Unerfahrene nimmt man dieser Darstellerin nicht ab.

5.) Den Regisseuren ist es gelungen  die Essenz, der Wesen Tiefe, nach dem offenbar auch Goethe trachtete, bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Dazu zwei Beispiele:

a. Kann der Zuschauer (w/m) in der Gründgens-Inszenierung noch als neutraler Beobachter  moralisch über gut & böse erhaben, vom sicheren Platz der Tribüne aus den Gang in die Tragödie beobachten, wird er in diesem Werk durch die vulgären Darstellungen mythologischer Gestalten (Genitalien, Brüste,) zum Voyeur der Szenerie von Vernunft, Verstand, Empfindung und Leidenschaft - zum selbst Verführten! Er begibt sich somit ins Abseits der gaffenden Menge, die darüber staunt, was vor ihren Augen abgesponnen wird. Sucht nur die Menschen zu verwirren, sie zu befriedigen, ist schwerIn bunten Bildern wenig Klarheit

b. Ein wesentliches Element des ersten Teils ist die Frömmigkeit/Demut einerseits, und die Versuchung/Verführung andererseits. Dieses Spannungsfeld ist sozusagen ein Stellvertreterkrieg zwischen Gott und Teufel  die bekanntlich eine Wette miteinander ausfechten. In der Bibel gewinnt Gott am Ende. In Faust 1 auch. Was lange vorbereitet wird und mit Trommelwirbel die letzte Szene abschließt ist der Satz des Teufels: Sie ist gerichtet! mit der Antwort von oben: Ist gerettet! Dieses Ist gerettet! ist entscheidend, um Goethes Verständnis von Frömmigkeit und Christentum zu erkennen. Doch eben dieses Ist gerettet! ist in dieser Inszenierung bis zur Unkenntlichkeit verzerrt  selbst wenn man den Text des Stückes kennt. Stattdessen hört der Zuschauer nur ein getute wie aus einer Karnevalströte. Damit bleibt die Kritik am Christentum (besser seiner Organisation) durch Goethe ohne seine Antithese als Resümee. Es ist den Regisseuren somit gelungen, Faust zu verzerren, Faust die tiefgreifendsten moralischen Aussagen zu nehmen, ohne dass es charmanter unterhält, als der genannte Gründgens-Wurf  eben in jeder Hinsicht ganz zeitgemäß.
Eine Rezension von Tom Buder >
vom 10. Juli 2009
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