Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen
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Nathan oder: Die vertagte Wahrheitsfrage
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Das zeitlose Drama von Gotthold E. Lessing ist oberflächlich betrachtet nur ein Intrigenstück mit burlesken Zügen, wie es vor allem Molière in Frankreich populär gemacht hat. So entspricht die Auflösung des Verwandtschaftsverhältnisses zwischen den Protagonisten (Dramen-Experten sprechen von Anagnorisis) dem Schema, das wir etwa aus "L'avare" kennen.
Plot: Recha, die Tochter des reichen Jerusalemer Geschäftsmanns Nathan, wurde bei einem Feuer von einem Tempelritter vor dem sicheren Tode gerettet. Dieser Tempelritter verdankt sein Leben hinwiederum der Gnade Sultan Saladins, der in ihm eine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem vor zwanzig Jahren verstorbenen Bruder Assad festgestellt hat und den Christen daher nicht töten zu lassen imstande war. Zwischen dem Tempelritter und Recha entspinnt sich eine zarte Liebe. Zunächst ist Recha hingerissen von ihrem Retter, während sich dieser zögerlich zeigt. Rasch ist er dann doch entflammt, als Recha mit Hilfe ihrer Gesellschafterin Daja ein Treffen arrangiert. Nathan jedoch stimmt dieser Verbindung nicht vorbehaltlos zu, denn er ahnt etwas, das er zunächst für sich behalten muss. Am Ende des dritten Aktes eröffnet Daja dem Ritter, der Skrupel in Anbetracht seiner Liebe für ein Judenmädchen empfindet, dass Recha in Wahrheit nur Nathans Adoptivtochter und eine Christin ist. In einem Nebenstrang, der sich im Verlauf des Stückes immer mehr zum blinden Motiv entwickelt, versucht der Jerusalemer Machthaber Sultan Saladin mit Nathan ins Geschäft zu kommen, weil seine Staatskasse leer ist. (Das Problem löst sich durch Steuereinnahmen zu Beginn des fünften Akts in Wohlgefallen auf.) Der Tempelritter wendet sich enttäuscht über Nathans Zurückhaltung nacheinander an den Patriarchen, den hohen christlichen Würdenträger der Stadt, und an Saladin. Beiden berichtet er von dem Manne, der eine Christin als Jüdin aufgezogen habe, für die konservative christliche Kirche ein todeswürdiges Vergehen, für Saladin ein Grund, Recha unter seine Fittiche zu nehmen. Am Ende laufen bei dem Sultan, in dessen Gewahrsam sich die zwischen allen Stühlen sitzende Recha zuletzt befindet, alle Fäden zusammen: Recha ist zu Tode betrübt, weil sie fürchtet ihrem Vater entzogen zu werden (Daja hat ihr zuvor enthüllt, dass sie adoptiert ist). Und Saladin versucht sich als Kuppler: Wolle er denn nun nicht endlich sein Plazet zu der Verbindung seiner Pflegetochter mit dem edlen Tempelritter geben, wird Nathan gefragt. Nun enthüllt Nathan den Grund für seine zögerliche Haltung: Ein Buch, das er von dem Klosterbruder erhalten hat, der die kleine Recha einst in Nathans Obhut gab, beweist, dass Recha und der um sie werbende Ritter Geschwister sein müssen. Saladin wird rasch hellhörg, nimmt Nathan beiseite und erfährt auch noch den Rest der Wahrheit: Die Ähnlichkeit des Tempelritters mit seinem Bruder kommt nicht von ungefähr, Assad ist der Vater des Tempelritters. Rechas dreifache Identität, Tochter eines Moslems und einer Christin und Pflegetochter eines Juden (dessen eigene Familie von Christen ausgelöscht wurde), unterstreicht die Botschaft des Stückes, das in einer vollzogenen friedlichen Koexistenz der drei rivalisierenden Zugkräfte endet.
Trotz offen kirchenkritischer Haltung (der kriegslüsterne Patriarch ist die einzige durchgehend negativ dargestellte Figur des Stücks) kann die weltberühmte Ringparabel, die Nathan dem Sultan erzählt, als dieser ihn im dritten Akt auf die Probe stellt, keineswegs verstanden werden als die besonders in unserer Generation gern so verstandene Relativierung des Anspruchs auf absolute göttliche Wahrheit, den jede der drei Weltreligionen erhebt.
So wenig "nur das Blut den Vater macht" (Akt V, 7. Szene), wie es im letzten Akt heißt, so wenig kann ein wahrer Gläubiger einer sein, der sich nur dem Namen nach einer Religion zurechnen lässt, sich aber nicht an deren Gebote hält, postuliert Lessing. Das Rechttun, zu dem alle Religionen in der einen oder anderen Form auffordern, ebnet aus seiner Sicht den Weg zum friedlichen Miteinander. Nun ist das an die drei Söhne der Ring-Parabel gerichtete Postulat, sich des Vaters (und des einen Ringes) durch rechtes Tun als würdig zu erweisen, zwar kompatibel mit dem ethischen Lehrwert jeder der drei Religionen, nicht aber mit ihrem Wahrheitsanspruch. Lessing will mit seinem "Nathan" wohl auch kaum darauf hinaus, dass es auf dem Himmelsthron den einen Gott und für die anderen Religionen einen alternativen "Pflege-Gott" gebe. In der Ring-Parabel gibt es bekanntlich nur einen Vater. Nimmt man als Sachebene für diesen einen Vater Gott und für die drei Söhne die drei Gruppen von Gläubigen (also Juden, Christen und Moslems) an, muss man zwangsläufig die drei Ringe als die drei unterschiedlichen Glaubensrichtungen betrachten. Von den Ringen ist nun aber bekanntermaßen nur einer echt. Das Stück negiert mithin ebenso wenig die Existenz eines wahren Gottes wie die Existenz einer wahren Religion und zweier "Fälschungen". Lessings Harmonie-Postulat kann daher für jeden ernsthaft nach dem einzigen und wahren Gott suchenden Menschen keine befriedigende Antwort sein. Er möchte wissen: In welchem der heiligen Bücher hat sich Gott nun wirklich offenbart und welche von dieser Offenbarung abweichenden Schriften sind Irrtümer bzw. Lügen ("Fälschungen")? Wäre eine subtraktive, zum Judentum führende oder eine additive, zum Islam führende Behandlung des Christentums ein Ausweg? Natürlich nicht, denn wer sollte Anhänger eines solchen Bastards sein? Solchen Streitfragen weicht der Aufklärer Lessing aus und umgeht so den Kern des Problems - wie eigentlich alle, die eine "aufgeklärte" Sicht auf Religion versuchen. Ganz ähnlich verfährt in unserer Zeit beispielsweise der deutschtürkische Autor und Regisseur Fatih Akin in seinem meisterhaften Film "Auf der anderen Seite", den man in Teilen durchaus als moderne Interpretation des Lessing'schen Entwurfs auffassen kann.
Das Verdienst des Autors ist, dass er die offene Frage nicht verschweigt und so tut, als gebe es hier gar kein Problem, sondern deutlich macht: Der eine Ring, der keine Fälschung ist, existiert zweifellos. Und natürlich kann es sich dabei für jemanden mit Lessings Hintergrund nur um das Christentum handeln. Er zeigt aber auch - in einem Dialog zwischen der Jüdin und Christin Recha mit der Muslimin Sittah -, was daraus zwangsläufig resultiert: der Zwang zur Mission: "Denn ist's wahr, dass dieser Weg allein nur richtig führt: Wie sollen sie [die Christen] gelassen ihre Freunde auf einem andern wandeln sehn, - der ins Verderben stürzt, ins ewige Verderben?" (V, 6. Szene). Es ist ein anderes, ein zeitliches "Verderben", das Lessing von einer Entscheidung in der Frage aller Fragen absehen lässt. Für ihn ist das Konfliktpotential, das darin liegt, ganz einfach ein zu hoher Preis.
Aus heutiger Sicht altbacken und kolportagehaft wirkend, bleibt Lessings "dramatisches Gedicht" ein Stück Weltliteratur, weil er (zur damaligen Zeit gewagt) ein weltumspannendes Problem auf die Bühne gebracht hat, das die Gemüter bis heute bewegt, auch wenn die einfache Lösung, die der Dichter offeriert, sich längst als schwer umsetzbar erwiesen hat. Denn die Autonomie des Menschen und seine Fähigkeit, stets dem kategorischen Imperativ gemäß zu handeln, ist bekanntlich nichts weiter als der größte Mythos der Aufklärung und Gott mit Sicherheit kein Buddha mit drei Gesichtern.
Eine Rezension von Dr. M. "film-o-meter" > Aßlar
vom 19. März 2009
Kundenrezensionen:
58. Lessing'scher Klassiker
57. Klasse Buch!
56. was das für eine frage: Über 13 jahre alt? wer ich oder das buch??
55. Nathan oder: Die vertagte Wahrheitsfrage (die aktuell angezeigte Rezension)
54. Ein Drama, der Aufklärung, dass auch beim lesen ein Drama ist...
53. "Was für ein Glaube, was für ein Gesetz hat dir am meisten eingeleuchtet?"
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